Über die Spoontheorie und welche Vorteile die Fernschule diesbezüglich bietet

Was ist die Spoontheorie?


Die Spoontheorie ist eine Theorie, deren Ziel es ist, das Energielevel von Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung zu veranschaulichen.

Da viele Behinderungen und Erkrankungen nicht sichtbar sind, können die daraus entstehenden Barrieren von Außenstehenden auch oft nicht erkannt werden. Diese Barrieren sind nämlich meist, wie die Behinderung oder Erkrankung selbst, unsichtbar.

Eine Behinderung oder chronische Erkrankung zu haben, bedeutet für viele Menschen auch weniger Energie zur Verfügung zu haben. Wer weniger Energie zur Verfügung hat muss seinen Tagesablauf dementsprechend anders planen. Um eben dieses unsichtbare Energielevel zu veranschaulichen gibt es die sogenannte „Spoontheorie“.


Die Amerikanerin Christine Miserandino hat die Theorie zuerst veröffentlicht. Christine hatte mehrere chronische Erkrankungen. Beim Kaffee trinken mit einer Freundin fragte diese Christine: „Wie ist das eigentlich chronisch krank zu sein?“

Christine sammelte daraufhin die Löffel auf dem Tisch ein und drückte sie ihrer Freundin in die Hand. Sie sagte, chronische krank zu sein heißt für sie besonders bewusst über ihre Energieeinteilung nachdenken zu müssen. Die 12 Löffel stellten demnach die Energie dar, über die Christine als chronisch Kranke verfügte. Nicht kranke oder nicht behinderte Menschen haben in ihrer Theorie folglich viel mehr als 12 Löffel zur Verfügung.

Für jede alltägliche Aktivität wie aufstehen, anziehen, waschen oder kochen nahm Christine ihr einen oder mehrere Löffel aus der Hand, je nachdem als wie anstrengend sie die genannte Aktivität empfand.

Es ist auch möglich sich Löffel vom darauffolgenden Tag auszuleihen, allerdings fehlen sie dann an diesem.


Wie wirkt sich die Spoontheorie auf meinen Alltag aus?


Autismus ist zwar keine chronische Erkrankung aber eine Behinderung. Aufgrund meines Autismus kosten mich grob erklärt zwei Bereiche besonders viel Energie:

Die Verarbeitung von Umweltreizen

Soziale Interaktion (in vielen Bereichen)


Umweltreize gibt es überall. Egal was ich tue, ich muss dabei Reize wie Licht, Impressionen, Geräusche, Gerüche, Geschmäcker und verschiedene taktile Reize verarbeiten. 
Für neurotypische (1) Menschen ist das im Normalfall kein Problem, denn sie haben einen „Reizfilter“ in ihrem Gehirn eingebaut, der die Reize „wegfiltert“, die gerade nicht essenziell sind. Dieser Reizfilter ist bei Menschen mit Autismus entweder kaum oder gar nicht vorhanden. Da ich deshalb eine viel größere Bandbreite an Informationen verarbeiten muss, kosten mich viele Aktivitäten mehr Energie.

Auch in der sozialen Interaktion gibt es Unterschiede zwischen neurotypischen Menschen und Autist:innen. Neurotypische Menschen können viele Dinge intuitiv, zum Beispiel Blickkontakt halten, abschätzen wann sie in einem Gespräch mit dem Sprechen an der Reihe sind oder einschätzen ob eine Äußerung gerade zur Situation passt.

Diese Intuition ist bei den meisten Autist:innen kaum oder nicht gegeben. Das führt dazu, dass all diese Dinge ständig bewusst überdacht werden müssen, weshalb sie mehr Energie verbrauchen.


Welche Vorteile hat die Fernschule für „Spoonies (2)“?


Wie oben beschrieben verbrauchen „Spoonies“, wie ich, mehr Energie für die Bewältigung vieler Alltagsaufgaben, ihrer Arbeit oder Schularbeiten.

Als ich noch an der Regelschule war, habe ich an vielen Tagen nach der Schule direkt geschlafen. Ich war nicht mehr in der Lage, nach der Schule noch etwas zu unternehmen, weil der Schultag meine Löffel alle aufgebraucht hat. Oft hat er sich sogar schon Löffel vom nächsten Tag geliehen, die dann wiederum fehlten.

Ihr seht worauf das hinausläuft: Auf lange Sicht reichen die Löffel nicht.

Die Fernschule hat für mich zwei besonders große Vorteile: Flexibilität und Umgebung.

Die Verteilung der Schulstunden kann ich selbst beeinflussen, weshalb ich an Tagen mit wenig Löffeln zur Verfügung auch mal weniger arbeiten kann. So muss ich mir keine Löffel von anderen Tagen ausleihen und habe langfristig keine „Schulden“ auf dem „Löffelkonto“.

Außerdem fällt die reizreiche Umgebung der Präsenzschule, die ich in einem anderen Blogartikel bereits beschrieben habe, komplett weg. So verbrauche ich schonmal weniger Löffel für die bloße Anwesenheit.


:?:Kanntet ihr die Spoontheorie schon und gibt es auch Spoonies unter euch?


(1) Menschen ohne Autismus

(2) Menschen mit chronischer Erkrankung oder Behinderung, auf die die Spoontheorie zutrifft

Kommentare 4

  • Ich habe ebenfalls noch nichts von der Spoontheorie gehört, aber dein Artikel hat die Theorie super erklärt 😊


    Weißt du, ob die Theorie auch auf psychische Erkrankungen angewendet werden kann? Immerhin kosten dann etwa alltägliche Dinge oftmals auch sehr viel Kraft. 🤔


    Ich bin durch meinen Diabetes zwar chronisch krank, bin mir aber nicht sicher, ob die Spoontheorie auch auf den Diabetes übertragbar ist. Es kostet doch z.B. sicherlich mehr Kraft, den täglichen Reizen zu begegnen mit einem Filter, der viel mehr durchlässt, als ein paar Mal am Tag zu spritzen oder auf sein Essen zu achten.

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    • Die Spoontheorie kann theoretisch auf alles angewandt werden, was die betroffene Person als Einschränkung im Alltag wahrnimmt, sicherlich trifft das auch auf einige psychische Erkrankungen oder andere zu.

  • Ich kannte die Spoontheorie bisher auch noch nicht, war sehr interessant davon du lesen.

    Ich bin auch ein Spoonie 🥄 und habe auch das Problem mit der fehlenden Energie, deshalb ist die Fernschule für mich auch eine große Entlastung.

    Sehr schöner Beitrag Annika, mach gerne mehr davon. 😀😊

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  • Die Spoontheorie kannte ich noch nicht, aber sie veranschaulicht das "Haushalten" mit unserem Energielevel supergut!

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